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Ein Künstlergespräch über Kunst, Gefühl und Inspiration
Was steht am Anfang eines künstlerischen Prozesses – das Wort, das Bild oder das Gefühl? Diese Frage begleitete den Abend des 15. Oktober 2026 im Kulturzentrum Schöneweide Ratz-Fatz. Zur Finissage der Ausstellung „HERZ-Los! – Leben in Bildern und Texten“ hatten Marion Römer und Egon Höcker zu einem offenen Künstlergespräch eingeladen. Es wurde ein Abend voller persönlicher Einblicke, überraschender Werkvorstellungen und Begegnungen.
Ankommen, schauen und entdecken
Gegen 19 Uhr strömten die Besucher ins Ratz-Fatz. Egon Höcker begrüßte die Gäste und lud sie ein, sich zunächst Zeit für die Bilder und Texte der Ausstellung zu nehmen. Auch für das leibliche Wohl war gesorgt: Gegenüber dem Eingang zum Theaterraum erwartete die Besucher ein liebevoll gestaltetes Catering, das Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule vorbereitet hatten.
Die Ausstellung hatte inzwischen ihre endgültige Form angenommen. Die letzten Fotografien waren aufgehängt, und in einer Vitrine konnten Auszüge aus Büchern gelesen und betrachtet werden. So wurde sichtbar, wie eng Bilder und Texte miteinander verbunden sind und wie unterschiedlich Gedanken und Gefühle ihren Ausdruck finden.
Eine besondere Mitmachstation lud dazu ein, selbst kreativ zu werden. Vor einem gesprühten Bild lagen Herbstblumen aus dem Garten bereit. Die Besucher konnten die Blumen vor dem Hintergrund arrangieren und ihr eigenes fotografisches Motiv gestalten. Es war spannend zu beobachten, wie viele unterschiedliche Bildvarianten aus denselben Materialien entstanden. Ein schönes Beispiel dafür, wie sehr Wahrnehmung, Fantasie und persönlicher Blick das Ergebnis beeinflussen.
Ein Catering mit Herz und Engagement
Im Theaterraum war alles festlich dekoriert. Auf der Bühne lagen das Buch „HERZ-Los!“ und ein Bild mit Text.
Raumbild
Besonders ins Auge fiel das wunderschön angerichtete Catering der Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule. Stolz präsentierten sie ihre Auswahl und erzählten, dass sie mit ihrer Bewirtung Spenden für eine Klassenfahrt sammeln möchten. Lehrerin I. Drischel und ihre Schüler überraschten die Gäste mit ihrer Initiative und einem Bio-Angebot.
Cateringbild
Mit Liebe zubereitet – Catering für eine Klassenfahrt
„Diese Speisen wurden mit Liebe zubereitet!“ – Mit diesem handgeschriebenen Schild begrüßten die Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule ihre Gäste.
Für diese Premiere bei einer solchen Veranstaltung gebührt ihnen ein herzliches Dankeschön. Ihr Engagement zeigte, wie Kultur, Schule und gemeinschaftliches Handeln zusammenfinden können.
Was steht am Anfang der Kunst?
Endlich war es so weit: Marion Römer und Egon Höcker nahmen auf der Bühne Platz. Nach einer kurzen Begrüßung kamen beide miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch.
Ein Kulturzentrum ist ein Ort der Begegnung. Menschen kommen zusammen, lernen unterschiedliche Sichtweisen kennen und tauschen sich aus. Gerade der Besuch einer Ausstellung kann dabei entschleunigen. Anders als in der digitalen Welt, in der Bilder oft nur für Sekunden auf dem Bildschirm erscheinen, braucht es Zeit, um sich auf ein Kunstwerk einzulassen, Details wahrzunehmen und seine Wirkung zu verstehen.
Dass diese Zeit wichtig ist, zeigten bereits die ersten Minuten des Abends: Die Besucher betrachteten die Ausstellung, lasen Texte und entdeckten Zusammenhänge. Kunst fordert dazu auf, innezuhalten und sich mit dem auseinanderzusetzen, was ein Bild oder ein Text in uns auslöst.
Die Ausstellung „HERZ-Los!“ ist vor allem Marion Römer und ihren Texten gewidmet. Sie macht sichtbar, wie Kunst entstehen kann und welche inneren Bewegungen einen kreativen Prozess auslösen.
Schreiben als Lebensprozess
Für Marion ist Schreiben eine Form der Lebensbegleitung. Es kann Ausdruck dessen sein, was sich nicht ohne Weiteres aussprechen lässt, und hilft, Gefühle, Konflikte oder emotionale Notsituationen zu verarbeiten.
Schreiben kann eine Botschaft sein, eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der Umwelt oder eine Reaktion auf ein inneres oder äußeres Bild. Manchmal beginnt alles mit einem leeren Blatt und einem inneren Bedürfnis: sich selbst etwas zu erklären, Gedanken zu ordnen oder sich etwas bewusst zu machen, das bisher verborgen geblieben ist.
Doch mit der Veröffentlichung verändert sich das Geschriebene. Es wird für andere zugänglich und tritt in einen nicht immer vorhersehbaren Kontakt mit ihnen. Texte können verstanden, missverstanden oder ganz unterschiedlich interpretiert werden. Auch das gehört zum Schreiben: auszuhalten, dass die eigenen Gedanken bei anderen Menschen etwas auslösen, das sich nicht vollständig kontrollieren lässt.
Ein Gedicht als persönliche Überraschung
Passend zum Thema hatte Annelie Streit ein Gedicht für Marion und Egon mitgebracht und trug es selbst vor. Dieser persönliche Beitrag war ein besonders schöner Moment des Abends.
[Gedicht „Mein Herz“ von Annelie Streit]
Auf der Suche nach Inspiration
Auch für Egon beginnt Kunst mit einer Frage. Er beschreibt sich als einen ruhelosen Geist, der ständig auf der Suche nach Inspiration ist. Kreativität gehört für ihn zur eigenen DNA. Motive begegnen ihm überall: in der Natur, im Alltag, in besonderen Augenblicken oder in Gedanken, die ihn nicht mehr loslassen.
Seine Arbeitsweise ist vielseitig. Er probiert unterschiedliche Techniken aus und sucht nach der Form, die zu einer Idee passt. Dabei spielt auch die Freiheit eine wichtige Rolle, aus sich selbst heraus schöpfen zu können.
Denn es macht einen Unterschied, ob ein Auftragswerk nach bestimmten Vorgaben entstehen soll oder ob ein innerer Anstoß den Anfang bildet. Bei der eigenen künstlerischen Arbeit kann sich eine Idee entwickeln, verändern und neue Wege einschlagen.
Marion und Egon inspirieren sich gegenseitig. Sie greifen Gedanken des anderen auf, regen neue Entwicklungen an und lassen die künstlerischen Ambitionen des jeweils anderen wachsen. Beide freuen sich über die entstandenen Werke. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den individuellen Anteilen mitunter so sehr, dass nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist, welcher Gedanke von wem stammt.
Die Ausstellung zeigt damit auch, wie Kunst gemeinsam entstehen kann.
Mit der Veröffentlichung treten die Textbilder in einen neuen Zusammenhang. Die Texte gehören nun auch den Betrachtern: Sie können gelesen, abgeschrieben, weitergedacht und als Anstoß für eigene Gedanken genutzt werden. So setzt sich der kreative Prozess beim Publikum fort.
Wenn Besucher ihre eigenen Werke mitbringen
Für das Künstlergespräch waren die Besucher eingeladen worden, eigene Arbeiten mitzubringen und über deren Entstehung zu berichten. Dass gleich mehrere Gäste dieser Einladung folgen würden, hatte niemand erwartet – selbst Marion war überrascht.
Es wurde ein besonders lebendiger Teil des Abends. Denn plötzlich standen nicht mehr nur die Werke der Ausstellung im Mittelpunkt, sondern auch die persönlichen Geschichten, Ideen und Erfahrungen der anwesenden Künstlerinnen.
Lieblingswerke und neue Perspektiven
Als Erste stellte Manuela von Daake-Müller zwei ihrer Lieblingswerke vor. Sie sprach über Farben und Formen und darüber, wie ihre Bilder bewusst mit der Regel des Goldenen Schnitts umgehen beziehungsweise diese durchbrechen.
Besonders interessant war das zweite Werk: Durch Drehen des Bildes entstehen neue Perspektiven und andere Wahrnehmungsmöglichkeiten. Ein und dasselbe Werk kann dadurch unterschiedliche Wirkungen entfalten. Es zeigt, wie sehr der Blickwinkel unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Blätter der Verschmelzung
Anschließend stellte Ines Bengsch ihre Arbeiten aus der Reihe „Blätter der Verschmelzung“ vor.
Am Anfang stand eine Begegnung, ein Augenblick. Daraus entwickelte sich die künstlerische Auseinandersetzung mit der Frage, wie zwei Menschen über Jahre hinweg miteinander verschmelzen können. Die Arbeiten machen einen Prozess sichtbar, der sich über lange Zeit entwickelt und in dem sich Nähe, Veränderung und gemeinsame Erfahrungen verbinden.
Linien zwischen Hiersein und Wegsein
Auch Elena Lauf brachte Arbeiten mit, die das Publikum staunen ließen. Ausgangspunkt war ein OneLine-Workshop, aus dem sich für sie ein ganz eigenes Feld kreativer Möglichkeiten eröffnet hat.
Egon zeigte aus dem Kunstkalender 2027 ein Motiv der Kaiserbrücke. Elena legte dazu zwei eigene Arbeiten auf den Tisch, die mit ihrer besonderen Linienführung und Bildsprache überraschten.
Die erste Arbeit gehört zu ihrer Serie „hier und weg“. Sie beschäftigt sich mit Menschen in Momenten, in denen sie körperlich anwesend sind, gedanklich aber bereits an einem anderen Ort. Auch Brücken spielen dabei eine Rolle: Sie verbinden unterschiedliche Orte und werden zum Sinnbild für Übergänge und Beziehungen.
Elena fragt danach, was es bedeutet, wirklich da zu sein – und wer wir sind, wenn wir nicht mehr ganz bei uns sind. Silhouetten und Formen tauchen aus Linien auf und verschwinden wieder in ihnen. So entsteht ein Bild für die Spannung zwischen Nähe und Entfernung, Präsenz und Rückzug.
Die zweite Zeichnung trägt den Titel „Die Vorleserin“. Sie zeigt eine Frau, die aus einem Buch vorliest. Körperlich ist sie anwesend, doch ihr Blick und ihre Haltung lassen erkennen, dass ihre Gedanken in die Welt des Textes eingetaucht sind.
Ein feines grafisches Muster überlagert das realistische Motiv und macht den Zustand zwischen Hiersein und Wegsein sichtbar. Die Idee entstand bei einer Lesung an einem Sonntag im Mai im Ratz-Fatz, bei der Derren Kähler leidenschaftlich aus Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ vorlas.
Die Vorleserin
Serie: hier und weg
Technik: Fineliner auf Papier
Entstehungsjahr: 2026
Format: ca. 12 × 20 cm
Kaisersteg
Technik: Fineliner auf Papier
Entstehungsjahr: 2026
Format: ca. 20 × 12 cm
Die beiden Arbeiten verdeutlichten, wie aus einer Beobachtung eine künstlerische Idee wird und wie sich mit wenigen Linien ganze Gedankenwelten eröffnen können.
Aus Unzufriedenheit wird ein neues Bild
Zum Abschluss präsentierte Edelgard Wenke ein Bild, das eine Erzgebirgslandschaft zeigt.
Der Ausgangspunkt war zunächst Unzufriedenheit mit einem bereits entstandenen Kunstwerk. Statt es aufzugeben, zerriss sie es und setzte die Teile neu zusammen. Aus der Überarbeitung entwickelte sich ein neues Werk mit wunderschönen Farben und einer ganz eigenen Wirkung.
Das Bild berührt, weil es zeigt, dass ein künstlerischer Prozess nicht immer geradlinig verläuft. Manchmal entsteht gerade aus dem Zweifel, dem Verwerfen und dem Neubeginn etwas Unerwartetes.
Ein Abend, der in Erinnerung bleibt
Das Künstlergespräch hat gezeigt, wie unterschiedlich kreative Prozesse beginnen und verlaufen können. Ein Gefühl, eine Begegnung, eine Beobachtung, eine Frage oder sogar die Unzufriedenheit mit einem fertigen Werk können zum Ausgangspunkt für etwas Neues werden.
Der offene Austausch machte deutlich, wie bereichernd es ist, nicht nur fertige Kunstwerke zu betrachten, sondern auch etwas über ihre Entstehung zu erfahren. Die persönlichen Erzählungen der Künstlerinnen gaben den Bildern eine zusätzliche Dimension und eröffneten neue Zugänge zu ihrer Arbeit.
Ein herzliches Dankeschön gilt allen Besuchern, dem Kulturzentrum Schöneweide Ratz-Fatz und ganz besonders Lehrerin I. Drischel, den Schülerinnen und Schülern sowie ihren Eltern für das engagierte Catering.
Wir danken Manuela von Daake-Müller, Ines Bengsch, Elena Lauf und Edelgard Wenke dafür, dass sie ihre Arbeiten und Gedanken mit uns geteilt haben. Ein besonderer Dank geht an Marion Römer für ihre Texte, die den Ausgangspunkt und das Herzstück der Ausstellung bilden.
Ebenso danken wir Peter Heibel und Hugo für die fotografische Begleitung beziehungsweise die Filmaufnahmen des Abends.
Eine Rückmeldung, die Mut macht
Elena Lauf schrieb uns nach der Veranstaltung:
„Liebe Marion und Egon, vielen Dank für gestrige Veranstaltung. Das für mich neue Format der Vernissage mit offenen Austausch fand ich für unsere unkommerzielle Ausstellungen genau richtig.“
Diese Rückmeldung bringt auf den Punkt, was wir uns für den Abend gewünscht hatten: Kunst nicht nur zeigen, sondern Menschen miteinander ins Gespräch bringen.
Auch German Bonafin meldete sich nach dem Künstlergespräch. Er schrieb, dass ihm unsere Gedanken zur Kreativität sehr gefallen hätten und er unsere Sichtweise teile, wie wichtig Kreativität im Leben ist. Obwohl er und seine Begleitung früher gehen mussten, nahm er die Eindrücke des Abends mit und schickte uns sogar noch ein selbst aufgenommenes Bild.
„HERZ-Los!“ war mehr als eine Finissage. Es war ein Abend, an dem Kunst persönlich wurde, Gedanken geteilt und neue Perspektiven entdeckt wurden. Und vielleicht ist genau das der schönste Anfang für weitere Begegnungen im Ratz-Fatz.
EH., 16.10.2026
