Zu Besuch im Atelier von Jürgen Schnelle

Manchmal beginnt ein Atelierbesuch ganz unspektakulär – mit einer Tasse Kaffee. So auch bei meinem Besuch bei dem Berliner Maler Jürgen Schnelle.

Sein Atelier befindet sich nicht in einem großen Industriegebäude oder einem repräsentativen Kunsthaus, sondern in einem kleinen Gartenhaus. Gerade diese Bescheidenheit verleiht dem Ort eine besondere Atmosphäre.

Bevor wir das Atelier betreten, trinken wir noch eine Tasse Kaffee. Jürgen Schnelle erzählt aus seinem Leben – wie er einst aus Strausberg nach Grünau gekommen ist und schließlich hier seine künstlerische Heimat gefunden hat.

Er lebt heute in einer Gartenbausiedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Plänen des Architekten Bruno Taut entstand. Die farbigen Häuser dieser Siedlung gehören heute zum UNESCO-Welterbe der Berliner Siedlungen der Moderne. Schon diese Umgebung erzählt von Geschichte – und vielleicht auch von Inspiration.

Das Atelier – eine eigene Welt

Dann öffnet sich die Tür zum Atelier.

Der Raum ist nicht groß, aber voller Leben. An den Wänden lehnen großformatige Bilder. Überall stehen und liegen Leinwände – einige fertig, andere noch im Entstehen. Man spürt sofort: Hier wird gearbeitet.

Zwischen Farben, Pinseln und Skizzen stapeln sich Bücher und Kunstzeitschriften. Eine Staffelei steht im Zentrum des Raumes. Daneben Farbtuben, Mischpaletten, Zeichnungen und Notizen. Der Blick wandert von einer Leinwand zur nächsten.

Ich habe das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen – in eine Welt der Formen, Farben und Gedanken.

Jürgen Schnelle bereitet gerade eine Ausstellung vor. Anlass ist sein 80. Geburtstag. Viele der großformatigen Arbeiten im Atelier sind dafür bestimmt.

 

Gespräche über Malerei

Unser Gespräch führt uns schnell zur Kunstgeschichte. Wir sprechen über Paul Cézanne, über seine Art, die Welt in Formen und Farben zu zerlegen. Von dort aus kommen wir zum eigenen Malstil von Jürgen Schnelle.

Er spricht mit großem Respekt über den Moment vor dem ersten Pinselstrich – über den Respekt vor der weißen Leinwand. Jeder Anfang sei ein Wagnis.

Auch das Handwerk spielt eine große Rolle. Seine Formate entstehen nicht einfach aus dem Laden. Die Leinwände werden selbst aufgezogen, gespannt und vorbereitet. Für ihn gehört dieses handwerkliche Arbeiten selbstverständlich zur Kunst dazu.

Die Bilder

Beim Rundgang entdecke ich unterschiedliche Motive.

  • Portraits.
  • Sitzende und stehende Akte.
  • Figuren, die im Raum zu stehen scheinen.

Viele Bilder entstehen in einem vielschichtigen Verfahren:
Zunächst wird Acrylfarbe in mehreren Schichten aufgetragen. Darüber setzt Schnelle später feine Linien und Konturen mit Ölfarbe. Dadurch entsteht eine besondere Tiefe – Farbe und Linie treten in einen Dialog.

Manche Leinwände wirken noch unfertig. Doch gerade diese Unfertigkeit zeigt den Arbeitsprozess. Man kann förmlich sehen, wie sich ein Bild entwickelt.

Ein Blick in die Werkstatt der Kunst

Ein Atelierbesuch ist immer mehr als das Betrachten fertiger Bilder. Er ist ein Blick hinter die Kulissen – in die Werkstatt der Kunst.

Zwischen Skizzen, Farben und halb vollendeten Leinwänden wird sichtbar, wie viel Suche, Experiment und Handwerk in einem Bild steckt.

Als ich das kleine Gartenatelier wieder verlasse, habe ich das Gefühl, kurz in eine andere Welt eingetreten zu sein – eine Welt, in der Gedanken, Erfahrungen und Beobachtungen zu Bildern werden.

Und ich denke: Was für eine Welt.

Egon Höcker, 09.03.2026

Wer ist Jürgen Schnelle?

Jürgen Schnelle, geboren 1945 in Strausberg, ist Maler, Grafiker und Fotograf. Nach seinem Studium der Kunsterziehung und Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin entwickelte er eine vielseitige künstlerische Praxis zwischen Zeichnung, Holzschnitt, Aquarell und Malerei. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Gegenständlichkeit und freier Form, geprägt von einer starken grafischen Struktur und expressiver Farbigkeit. Schnelle gehört zu den Mitbegründern des Kunstvereins Treptow e. V. und ist seit vielen Jahren Teil der Berliner Kunstszene.