Ein Diavortrag von Werner Laube über karelische Felsbilder

Es ist ein leiser Einstieg, fast unscheinbar – doch was Werner Laube an diesem Nachmittag präsentiert, entfaltet sich schnell zu einer Reise weit über Raum und Zeit hinaus. Sein Diavortrag führt zurück in die 1980er Jahre – und zugleich mehrere tausend Jahre weiter in die Vergangenheit. Damals machten sich Künstler und Wissenschaftler aus Berlin-Schöneweide auf den Weg nach Karelien, um eines der ältesten Bildarchive Europas zu erkunden: die karelischen Felsbilder.

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Der Beginn einer Idee

Am Anfang stand ein Buch.

Der Künstler Hildur-Mathias Bernitz hatte ein Werk über die Felsmalerei in Karelien entdeckt. Die darin enthaltenen Abbildungen und Beschreibungen weckten sofort Begeisterung – auch bei Werner Laube. Aus Neugier wurde schnell ein Plan: Diese Bilder mussten vor Ort gesehen werden.
Nicht fotografiert allein, sondern verstanden, dokumentiert, erfasst.

Eine Reise, die zum Abenteuer wurde

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Was heute wie eine Forschungsreise klingt, war damals ein echtes Abenteuer.
Die Fahrt führte mit einem Wartburg von Berlin-Schöneweide aus tief hinein in die sowjetische Wildnis. Straßen wurden zu Pisten, Pisten zu Spuren – und schließlich zu bloßen Vermutungen im endlosen Wald.

Werner Laube las zu Beginn seines Vortrags aus seinem Reisebericht:

„Eine Odyssee durch die Taiga oder dreißig Stunden bis Petrosawodsk“

Die geschilderten Szenen wirken fast surreal:

  • endlose Wälder ohne Orientierung
  • Brücken aus Baumstämmen
  • verlassene Holztransporter im Nirgendwo
  • ein abgerissener Auspuff mitten in der Taiga
  • Mückenschwärme als permanente Begleiter

Und immer wieder die Unsicherheit: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Diese Reise war keine komfortable Expedition – sie war Grenzerfahrung.

Begegnung vor Ort

In Karelien angekommen, traf die Gruppe auf den russischen Wissenschaftler Juri Sawwatejew, einen der führenden Experten für die Felsbilder. Er öffnete ihnen den Zugang zu Fundorten, die ohne lokale Kenntnis kaum auffindbar gewesen wären.
Die wichtigsten Fundgebiete liegen:

  • am Onegasee (z. B. Kap Besov Nos) und 
  • am Weißen Meer (bei Belomorsk, etwa Zalavruga)

Diese Orte sind bis heute von beeindruckender Abgeschiedenheit.

6.000 Jahre alte Bilder

Die karelischen Felsbilder – sogenannte Petroglyphen – gehören zu den bedeutendsten prähistorischen Kunstwerken Europas und sind seit 2021 UNESCO-Weltkulturerbe.

  • Alter: etwa 6.000–7.000 Jahre
  • Anzahl: rund 4.500 Darstellungen
  • Kultur: kammkeramische Kultur (Jungsteinzeit)

Die Bilder wurden direkt in den harten Granit geritzt – oft an Ufern, die durch Gletscher der Eiszeit glatt geschliffen wurden. Diese natürlichen Flächen wurden zur Projektionswand früher menschlicher Vorstellungen.

Was zeigen die Bilder?

Die Motive sind erstaunlich lebendig – und zugleich rätselhaft:

  • Tiere: Elche (oft mit Kalb), Hirsche, Vögel, Meerestiere
  • Menschen: Jäger, Gruppen, Bewegungsdarstellungen
  • Szenen: Jagd zu Land und Wasser, Boote mit Besatzung
  • Symbole: Sonnenzeichen, Fußabdrücke, geometrische Formen
  • Mythische Figuren: Mischwesen aus Mensch und Tier
  • Es sind keine isolierten Bilder – es sind Erzählungen im Stein.

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Die Methode des Abreibens

Besonders eindrucksvoll schilderte Werner Laube die dokumentarische Arbeit vor Ort.
Die Methode war einfach – und genial:

  1. Auftragen von schwarzer Schuhcreme auf die Felsoberfläche
  2. Auflegen von Papierbahnen
  3. Durch Reiben werden die Ritzungen sichtbar gemacht

So entstanden detailreiche Abreibungen, die die Bilder originalgetreu wiedergaben.
Eine analoge Technik – präzise, unmittelbar, körperlich.

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Bilder, die bleiben

Viele dieser Arbeiten brachten die Teilnehmer zurück nach Berlin. Im Kulturzentrum Ratz-Fatz entstand daraus eine Ausstellung – ein Stück Karelien in Schöneweide.
Der aktuelle Diavortrag knüpft daran an. Die Technik wirkt heute fast nostalgisch: Projektor, Dias, ruhige Bildwechsel. Doch gerade diese Langsamkeit schafft Raum für Konzentration.
Man schaut genauer hin. Man entdeckt mehr.

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Faszination Steinzeit

Was bleibt, ist Staunen.
Diese Bilder haben Jahrtausende überdauert – verborgen unter Sand, geschützt durch Zufall und Natur. Und doch sprechen sie noch heute zu uns.
Sie erzählen von:

  • Jagd und Überleben
  • Gemeinschaft
  • Glaubensvorstellungen
  • dem Versuch, die Welt zu verstehen

Vielleicht ist genau das ihre größte Kraft: Dass sie uns zeigen, wie nah uns diese frühen Menschen eigentlich sind.

Fazit

Der Diavortrag von Werner Laube ist mehr als ein Reisebericht. Er ist:

  • ein Stück Zeitgeschichte (DDR-Reise in die Sowjetunion)
  • ein künstlerisches Dokument
  • ein Beitrag zur Bewahrung kulturellen Erbes

Und nicht zuletzt: eine Erinnerung daran, dass große Entdeckungen oft mit einer einfachen Idee beginnen.

Egon Höcker, 17.03.2026

Eine Odyssee durch die Taiga

oder dreißig Stunden bis Petrosawodsk
von Werner Laube

20260317 Diavortrag Werner Laube   Karelien Felsenbilder 3Es war Mitternacht, als wir Andomski Pogost erreichten – doch dunkel war es immer noch nicht. Dass wir zu dieser Stunde überhaupt noch Menschen auf der Straße trafen, grenzte an ein Wunder. Unser erster Versuch, den Ort zu verlassen und die Piste nach Pudosch zu finden, endete auf dem Hof eines Sägewerks. Ein paar angetrunkene Burschen wollten uns mit dem Motorrad den Weg zeigen – eine Trasse am anderen Ufer der Andoma, der wir nur zu folgen bräuchten. Wir bedankten uns für das Angebot und zogen es vor, rasch weiterzufahren.

Über eine von Tausenden LKW-Reifen zerfetzte Brücke aus Baumstämmen gelangten wir ans rechte Flussufer und auf die bereits erwähnte Trasse in den Wald. Schotter, Lehm und Knüppeldämme wechselten einander ab, und immer wieder krachte ein Stein gegen den Unterboden.

Es beunruhigte uns nicht, dass wir zehn, zwanzig oder dreißig Kilometer durch den finsteren Wald fuhren, ohne auf eine Ansiedlung zu stoßen. Das war hier offenbar normal, und eine Telefonleitung entlang der Piste gab uns zusätzlich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. In dieser abgeschiedenen Wildnis hoffte ich, vielleicht einen Elch, einen Wolf oder sogar einen Bären zu sehen – doch meine übermüdeten Augen täuschten mich immer wieder. Der vermeintliche König der Wälder entpuppte sich beim Näherkommen als abgestellter Traktor. Ein Rudel Wölfe wurde zu einem Haufen alter Dieselfässer, und Meister Petz verwandelte sich in eine verrostete Seilwinde.

Fünfzig Kilometer hatten wir bereits hinter uns, ohne ein Dorf zu Gesicht zu bekommen. Erst jetzt fiel uns auf, dass auch die Telefonmasten verschwunden waren. Laut Karte hätten wir längst Gakugsa erreichen müssen – doch auch nach weiteren zwanzig Kilometern tauchte der Ort nicht auf.

Die Piste wurde hier offenbar nur von schweren LKW genutzt. Hin und wieder kamen wir an mächtigen, voll beladenen Langholzfahrzeugen vorbei, die unbeleuchtet am Straßenrand standen. Vielleicht könnten wir die Fahrer nach dem Weg fragen, dachte ich. Ich hielt den Wartburg an, kletterte auf das Trittbrett und leuchtete mit der Taschenlampe ins Fahrerhaus – leer. Die Fahrer schliefen wohl im Waldarbeitercamp, an dem wir kurz zuvor vorbeigekommen waren.

Auch Vera und Anna, unsere russischen Freundinnen, schliefen längst. Meine Tochter Antje, die unermüdlich die Karte studierte und unsere Strecke berechnete, war ebenfalls völlig erschöpft. Wie mein Künstlerfreund Hildur und ich hatte sie seit zwanzig Stunden kein Auge zugetan. Dennoch wollten wir uns nicht eingestehen, dass wir uns verirrt hatten. Der Gedanke, so kurz vor dem Ziel aufzugeben, erschien mir schlicht absurd.

Zwischen Hoffnung und Trotz fuhren wir weitere fünfzehn Kilometer – doch nun bestand kein Zweifel mehr: Wir hatten den Weg nach Pudosch verfehlt. Statt nach Norden waren wir auf eine Holzfällertrasse geraten, die sich immer weiter nordöstlich vom Onegasee entfernte. Wir waren sprichwörtlich auf dem Holzweg.

Schweren Herzens beschlossen wir, nach Andomski Pogost umzukehren. Wie geschlagene Krieger lenkten wir unseren tapferen „Elch“, dessen Motorhaube mit eigenwilligen, fast steinzeitlich wirkenden Spuren verziert war, zurück auf die mühsam bewältigte Strecke. Der Morgen dämmerte bereits, doch das Holzfällercamp lag noch im tiefen Schlaf.

An einer Weggabelung standen wir schließlich völlig ratlos. Kein Schild, kein Hinweis – nichts. Der endlose Wald trieb mich fast zur Verzweiflung; ich fühlte mich wie Hänsel und Gretel.

Erstaunlich war jedoch, wie gut sich uns die Landschaft eingeprägt hatte. Eine mit Wollgras bewachsene Senke, ein verrostetes Stück Raupenkette oder ein vom Blitz gespaltener Baum – jedes Detail wurde zu einem Hoffnungsschimmer auf dem Weg hinaus aus diesem endlosen Wald.

Seit einiger Zeit klang der Motor ungewöhnlich laut. Als das Geräusch schließlich in ein dröhnendes Poltern überging, ahnte ich nichts Gutes. Wir hielten an und stellten erleichtert fest, dass „nur“ der Auspuff hinter dem Nachschalldämpfer abgerissen war. Das lange Rohr schleifte über den Boden und musste irgendwie fixiert werden.

Das war leichter gesagt als getan: Am Unterboden fand sich weder eine Öse noch eine Schelle, an der man das Rohr hätte befestigen können. Schließlich gelang es mir, mit einem Holzknüppel, den ich in das Rohr steckte, eine notdürftige Lösung zu improvisieren.

Doch das Schlimmste waren die Mücken. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie uns derart umschwärmt, dass wir ihre Stiche kaum noch ertragen konnten. Unter dem Auto liegend, sah ich die Blutsauger aus nächster Nähe – prall gefüllt krochen sie über den Schotter.

Dort, wo die ersten Sonnenstrahlen den Boden erreichten, dampfte die Erde, und der unberührte Wald zeigte sich im Morgenlicht von zauberhafter Schönheit. Moos und Flechten überzogen die Äste und ließen die Bäume wie uralte Waldgeister erscheinen. Es fehlten nur noch die spielenden Bärenjungen aus den Bildern Iwan Schischkins.

Doch die Mücken holten uns schnell in die Realität zurück. So rasch wie möglich sprangen wir ins Auto und ergriffen mit knatterndem Auspuff die Flucht.

Plötzlich endete die Taiga. Im sanften Licht der Morgensonne rollten wir über die ramponierte Holzbrücke von Andomski Pogost. Wir waren wieder unter Menschen – und konnten hoffen, Hilfe für unser Auto zu finden. So kam es auch: Dreißig Stunden nach unserem Aufbruch in Sankt Petersburg erreichten wir todmüde, aber glücklich Petrosawodsk.

Das eigentliche Ziel unserer Reise – die prähistorischen Felsbilder von Besow Nos, die Hildur, Antje und mich nach Karelien gelockt hatten – erreichten wir allerdings erst einige Tage später mit dem Motorboot.

Erlebnisbericht aus einer Reise nach Karelien (Russland)
Fotos:  Aufnahmen vom Diavortrag / Archivmaterial von Werner Laube

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